Westfjörde (Teil 2): Karibikflair und Papageientaucher am Latrabjarg? Wir finden es heraus!

Ja, ich gebe es zu, wir hinken mit unseren Einträgen etwas hinterher 🥴. Aber es passiert so viel, dass wir nur knapp hinterherkommen. So, nun aber weiter mit der Reise durchs frühlingserwachte Island.

Im Guesthouse Stekkaból genossen wir etwas, dass wir infolge der Pandemie schon seit 1,5 Jahren nicht gemacht haben: Wir bedienten uns selbst nach Belieben am leckeren Frühstücksbuffet. Es gab sogar frisch gebackene Waffeln, nicht abgepackten Wurst- und Käseaufschnitt, Granola verschiedenster Sorten, Saft, Kaffee u.s.w…. Das hört sich erstmal banal an, aber wenn wir mal irgendwo gefrühstückt haben, dann war alles vorverpackt oder man bekam alles in überschaubaren Portiönchen vom Mitarbeiter auf den Teller gelegt. So war das jedenfalls herrlich und wir durften uns so ein wenig verwöhnen, indem wir uns ganz viel Zeit beim Frühstücken ließen, dabei auf den sonnigen Fjord schauten und quatschten oder den Tag planten. Daher waren wir nicht nur satt und zufrieden, sondern zudem sehr entspannt als wir aufbrachen. Wenn ein Tag so schön beginnt, kann er doch nur toll werden 😊. Vorgenommen hatten wir uns 3 sehenswerte Fleckchen:

  1. Rauðisandur: einen von Islands schönsten Stränden
  2. Sauðlauksdalur: fast eine Bucht mit Karibikflair
  3. Latrabjarg: der Vogelfelsen

Irgendwie hatte Marcus vom breiten Sandstrand Rauðisandur gelesen und nun zog es ihn dorthin. Als ich dazu die nette Angestellte befragte, meinte sie zwar, dass dieser ein wirkliches Highlight wäre, allerdings sei es quasi lebensgefährlich dort hinunter zu fahren. Hatte sie gehört, selbst ist sie noch nicht dort gewesen. „Lebensgefährlich?“ Naja, es gäbe keine richtige Straße, nur eine gravel road, welche steil am Abhang hinabführte, allerdings ohne Leitplanken oder sonstige Sicherungen. „Dein Mann hat Höhenangst?“ Dann, so hätte sie gehört, sollte man es auf keinen Fall wagen. Die „Straßen“ seien sozusagen einspurig und man könne nicht wirklich ausweichen, ohne das einem der Absturz drohe 😳. Tja, und nu? Marcus wollte unbedingt dorthin und so beschlossen wir, erstmal hinzufahren und uns selbst ein Bild zu machen. Gut so! Denn es war ja nichtmal halb so wild, wie die junge Dame uns schilderte. Klar, die Straße war wirklich nur eine Schotterpiste und recht schmal, aber soooo schmal nun auch nicht und vor allem kam uns auch kein Auto entgegen. Die Abhänge, ja… die gab´s wirklich, aber auch diese waren zu meistern, indem wir sehr langsam die eigentlich recht kurze „Todeszone“ (völlig übertrieben 😂) hinunterfuhren.
Der Weg lohnte sich definitiv, denn wir kamen uns vor wie auf unserer Lieblingsinsel in Portugal: weitläufige, menschenleere Sandstrände und das tosende Meer. Nur die grasenden Schafe, umliegenden steil aufragenden Klippen irritierten. Sehr isländisch war außerdem der Blick auf die schneebedeckten Gipfel des Snæfellsjökull, einem 1446 m hohen Stratovulkan am westlichen Ende der Halbinsel Snæfellsnes, welcher bei klarer Sicht vom Strand aus am Horizont zu sehen war. Nach einem sommerlichen Strandspaziergang picknickten wir noch vor der hübschen Saurbæjarkirkja und genossen den Frühling für uns bzw. den Sommer für Isländer 🙃 bis uns die Fliegen nervten.

Satt und ausgeruht ging es weiter zum Latrabjarg. Auf diesem gigantischen Vogelfelsen sollten wir, Fotos und Reiseberichten zufolge, nun endlich auch einmal mehr als den Hintern eines davonfliegenden Puffins aus der Nähe sehen können. Nach unserer beinahe vergeblichen Suche auf den Westmännerinseln waren wir natürlich eher skeptisch, wollten die Hoffnung aber noch nicht aufgeben. Die Schotterpiste führte uns vorbei an einer herrlichen Lagune mit weißem Strand, helltürkisfarbenem Wasser und leider sehr starkem Gestank. Was war das nur? Irgendetwas roch so widerlich, dass man sich schon kurz überwinden musste, um an den Strand zu gehen. Leider fanden wir nicht heraus, woher dieser Geruch rührte. Ich vemutete, dass die großen Lachszuchtkäfige im Fjörd ursächlich waren. Selbst wenn die Aquakulturbranche aus ihren Anfangsfehlern bzgl. Medikamenteneinsatz, Überfütterung & Co gelernt haben mag, so gibt es doch noch immer bei zu vielen Lachsen, zu viele Futterreste und Fischkot. Karibikflair? Nur mit Nasezuhalten 🥴!

Vorbei an atemberaubenen Buchten steuerten wir nun zum Kap Bjargtangar, dem westlichsten Punkt Islands. Hier am äußersten Zipfel Islands befindet sich die 14 km lange Steilküste Látrabjarg und gilt als einer der größten Vogelfelsen der Welt. In den bis zu 450 m hohen Klippen leben Millionen von Seevögeln. Vor allem nisten hier Möwen, Lummen, Tordalke und Papageientaucher. Ehrlich gesagt interessierten wir uns besonders für Letztere. Kreischende Möwen kennen wir zu Hauff, Lummen sind o.k., aber sorry liebe (Hobby)Ornitologen, nicht ganz so spannend für uns und von Tordalken hatten wir bis dato noch gar nichts gehört, geschweige denn gesehen. Die Steilküste ist wirklich sehr gespickt mit menschenleeren Traumstränden. Wir fuhren mehrfach von einem felsenumgebenen Tal ins nächste, von einer Bucht in die andere und jedes Mal standen dort ein paar hingewürfelte weisse und bunte Häuschen, wieder mit einer kleinen Kirche und fantastischen Stränden. Am letzten kurz vorm Leuchtturm von Latrabjarg mussten wir anhalten, weil es einfach zu schön war. Wir sprangen regelrecht aus dem Auto, liefen über die schneeweissen Dünen (keine Übertreibung!) zum Wasser und waren verblüfft. Dies war der perfekte Ort für einen Sommerurlaub, wenn man einen Windschutz dabei hätte. Atemberaubend!
Ich sog die herrliche Luft ein und wäre am liebsten ins eiskalte Nass gehüpft oder hätte dies zumindest gern Barfuß angetippt, als mir ein riesiger gestrandeter Fisch auffiel. Beim Näherkommen entdeckte ich jedoch, dass dies gar kein Fisch, sondern ein Wal war, welcher offensichtlich schon länger von den Wellen am Sand umspült wurde. Schnell rief ich die Kinder dazu und nach genauerer Begutachtung erkannten wir einen Orca: Farbreste 🤭und verbliebene Zähne waren ziemlich eindeutig. Wir bestaunten ihn von allen Seiten, sofern es die Wellen zuließen und dann kam Pauline auf die verrückte Idee, sich einen Zahn mitzunehmen. Irgendwie war das schon pietätlos, der arme Wal und so, aber natürlich auch faszinierend. Also zogen sich die Mädels tatsächlich die Schuhe aus und Pauline machte sich vorsichtig ans Werk. Mutig hüpfte sie vorwärts, sobald die Welle ins Meer zurückrollte und versuchte ihr Glück. Dies war gar nicht so einfach, denn der Wal wurde nach wie vor vom Wasser bewegt, war dazu ja schon lange nicht mehr frisch 😬 und die großen Zähne saßen erstaunlich fest. Oh man, hört sich das makaber an! Wie auch immer, Pauline scheiterte leider am Ende und musste quasi walzahnlos den Strand verlassen. Beim Anziehen der Schuhe entdeckten unsere Kinder neben sich im Sand sogar noch den gut erhaltenen Körper eines Polarfuchses, womit der Strand dann natürlich endgültig seinen Namen erhalten musste. Er hieß fortan nur noch der „Strand der Verwesten“.

Zwischen 18:00 und 19:00 Uhr sollten die Papageientaucher aufsteigen bzw. von ihren Streifzügen auf dem Meer zurück in die Nester fliegen. Wir waren gespannt und beeilten uns nach dem ziemlich morbiden Zwischenstopp am Leuchtturm anzukommen. Perfekt im Zeitplan stellten wir also 10 Minuten später unser Auto am fast leeren Parkplatz ab, orientierten uns kurz an einem Touristenpärchen, welches sich (zu weit) vorn am Rande der Klippen fotografierte, ließen den Leuchtturm also hinter uns und marschierten Richtung Pärchen. Die dortigen Felswände fielen sagenhaft steil ins tosende Meer hinab und alles war voll mit Möwen, Lummen und Tordalke. So etwas hatte ich noch nie gesehen und gerochen, wir waren schwer beeindruckt. Man könnte ja auch meinen, dass neben den brechenden Wellen die Geräuschkulisse durch lautes Gekreische und Geschrei der Vögel dominiert wird, aber das traf hier gar nicht zu. Vom Wind ließen sich die Vögel in Scharen nahezu lautlos nach oben tragen, vom tosenden Meer, die Felsen hinauf bis zu ihren Nestern. Diese Stille wirkte fast unheimlich, wenn auf einmal wieder 100te Vögel für 2-3 Minuten wie aus dem Nichts hinter den Felsen auftauchten und hinaufschwebten. Wir sahen viele, wirklich viele Möwen, aber nicht einen Puffin. Direkt oben an den Klippen, unter den Grasnarben sollten sie doch nisten. Aber nix! Ein Schild wies darauf hin, dass man sich auf den Boden legen und an die Kante heranrobben sollte, da Fallwinde und Abbrüche drohten. Heiß darauf endlich Papageientaucher zu entdecken, folgten wir dieser Anleitung sehr vorbildlich. Marcus hielt panisch die Kinder zurück, während ich mich alle 10 Meter einmal vom vorgegebenen Pfad aus flach auf den Boden legte und vorsichtig voranrobbte. Diesen merkwürdigen Anblick muss man sich mal vorstellen und das auf eine Strecke von sicherlich 500m! Leider blieb mein gesamtes Fitnessprogramm erfolglos. Nicht einen Puffin konnten wir sichten. Zwar entdeckten wir mehrere Tordalke, die auch sehr hübsch waren, aber eben keinen Puffin. Der Zeiger neigte sich der vollen Stunde und die Zeit des Aufsteigens, Ankommens oder was auch immer lief ab. Kurz vorm Ende des Pfades fragten wir noch ein paar arbeitende Einheimische, die uns sehr freundlich darauf hinwiesen, dass hier oben nur wenig Papageientaucher seien. Wir sollten es doch lieber beim Leuchtturm am Parkplatz versuchen. Echt jetzt? Also wieder ein wenig Hoffnung schöpfend zurück…Kurz hinter dem Anfang unseres Weges, am ersten Felsenabschnitt trafen wir dann wieder auf das Touristenpärchen. Auch sie hatten bisher erfolglos gespäht, winkten uns nun aber schnell zu sich. Es hieß also wieder auf den Boden legen und vorsichtig an die Klippe robben und tasächlich, da saß er 50 cm entfernt vor mir und putzte sich, der niedlichste Vogel, den ich so kenne. Er zeigte mir nicht nur seinen Popo, sondern tatsächlich auch seinen rot-weiss gestreiften Schnabel und die fast traurig anmutenden Augen, die für seine Art so eigen sind. Er war überhaupt nicht scheu und ließ es gelassen über sich ergehen, dass wir nun nacheinander zu ihm robbten. Wir sahen sicherlich aus der Ferne so aus wie in der Geschichte mit der Rübe: Einer robbte und die anderen hielten fest, vom Kind bis zur Oma, auch wenn eigentlich keine Gefahr drohte. Sicher ist sicher 😜.

Und dann ging es los! Plötzlich entdeckten wir einen Puffin nach dem anderen. Wir hätten einfach nur rund um den Leuchtturm schauen sollen, denn hier tummelten sie sich zu Hauf. Wir konnten nun auch ohne Fitnesstraining die Vögel beobachten und sahen ihnen zu, wie sie sich gegenseitig bei der Nestwache ablösten. Ankommen, sich gegenseitig liebkosend putzen, losfliegen und in der Höhle verschwinden…ein Tag im Leben eines Papageientauchers. Leider mussten wir uns langsam von diesem Spektakel lösen. Die Sonne sank tiefer und wir mussten ja noch einen langen Schotterweg zurück. Doch es hatte sich gelohnt! So herrlich wie der Tag begonnen hatte, so wunderschön endete er auch. Mit all den vielen Eindrücken im Kopf, Glück im Herzen und unglaublich großer Zufriedenheit kamen wir erneut bei Sonnenuntergang in Patreksfjördur an. Was für ein wunderbarer Tag!

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